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Klangmassage als Klang-Entspannung bei an Demenz erkrankten Menschen

Von Sabine Bilnik-Clauß

Warum kann die Klang-Entspannung wirksam und unterstützend für Menschen mit Demenzerkrankungen sein?

Wie beschrieben, sind die Betroffenen in der Veränderung der Symptomatik immer auf der Suche nach etwas Bekanntem, etwas das ihnen in ihrer Situation des Vergessens Halt gibt, Sicherheit, Geborgenheit und ehrliches Vertrauen. Da Klänge auf den gesamten Organismus wirken, können sie ein Ungleichgewicht auf der immer wichtiger werdenden emotionalen Ebene günstig beeinflussen. Im Klangerleben wird keine kognitive Leistung erwartet, nicht das Denken sondern das Spüren steht hier im Vordergrund und steigert somit das Selbstwertgefühl des Erkrankten.


Im Gegensatz zu anderen Entspannungsmethoden überfordert die Einfachheit des Klangangebotes den Erkrankten nicht. Oft müssen hier sprachliche Anleitungen umgesetzt (z.B. Progressive Muskelentspannung nach Jacobson) und ein eigenständiges »Training« über einen gewissen Zeitraum eingeübt werden. Es zeigt ihm seine vorhandenen Fähigkeiten und Möglichkeiten in seiner eigenen Welt, in einem Teil seiner individuellen Lebensgeschichte. Klang begleitet uns vom Anfang unseres Menschseins an. Schon vorgeburtliche Erinnerungen an Klang, z.B. der Stimme unserer Mutter, aber auch Schwingungen und Vibration sind uns vertraute Empfindungen. Sie lassen sich auf allen Ebenen spüren und so erreichen sie den Betroffenen ganz sicher – irgendwo.

Anhand der Reaktionen während und nach einer Klang-Entspannung, meist nonverbal, z.B. durch Mimik, Veränderung der Atmung oder des Muskeltonus, kann eine häufig sehr eindeutige Kommunikation beschrieben werden. Hierdurch verlieren wir nicht den direkten Kontakt und bleiben so, auch bei immer umfangreicheren Beeinträchtigungen, durch das Fortschreiten der Erkrankungen, in harmonischer Verbindung.

Was beim Klang-Angebot für an Demenz erkrankte Menschen zu beachten ist

Betroffene in fortgeschrittenem Stadium einer Demenzerkrankung (z.B. Morbus Alzheimer) sind dauerhaft auf die Pflege und Betreuung anderer angewiesen. Die Bewegung ist stark eingeschränkt, so dass sie häufig vollständig bettlägerig sind oder teilweise auch in einem Rollstuhl oder sogenannten Siesta-Stuhl mobilisiert werden können. Das Angebot der Klangschalen muss hier der Situation angepasst werden.

Da auch ein Befragen vor dem Angebot, welche Position als angenehm empfunden wird, nur teilweise aber weitgehend nicht mehr möglich ist, sollten hier andere Möglichkeiten gewählt werden.

Dem Klang begegnen, ihn erst einmal vorsichtig mit allen Sinnen wahrnehmen, hören und spüren, auch ohne direkten Körperkontakt. Die Klangschalen können um das Bett oder den Rollstuhl angeordnet werden. Sie können über die Klangmassage hinaus auch als »musikalische« Unterstützung genutzt werden. Mit Klängen Musik erleben. An den Ursprung, das Urvertrauen erinnert werden – ein sinnvolles Angebot und langsames sich Einstellen auf ein sehr ungewohntes Angebot. Um nicht nur die geistigen sondern auch die körperlichen Fähigkeiten zu berücksichtigen, werden die Peter Hess® Therapieklangschalen nicht wie bei der klassischen Klangmassage auf dem Körper aufgesetzt, sondern nahe am Körper positioniert. Dies ermöglicht ein intensives Aufnehmen der Schwingungen über die Platzierung der Klangschalen auf der Bettdecke, dem Lagerungskissen, einer Wolldecke oder einem kleinen Kissen im Rollstuhl. Das Klang-Angebot kann mit der Universalschale, aber auch mit der zusätzlichen kleinen Beckenschale oder auch komplett mit der noch zu ergänzenden Herzschale durchgeführt werden.

Die Klangschalen sind sehr vorsichtig und sanft anzuschlagen, denn die Wirkung ist stärker zu spüren, als zu hören. Durch den Klang werden sanft massierende Wellen durch den Körper geschickt und vom Erkrankten auf allen Ebenen empfunden. Es entsteht wieder »Ordnung« und inneres Gleichgewicht.

Die Position der Peter Hess® Therapieschalen wird in Anlehnung an die klassische Peter Hess-Klangmassage gewählt.

Beginnend mit der Gelenk-, bzw. Universalschale am Fußende, der kleinen Beckenschale im Bereich des Gesäßes bis zum Brustkorb Bereich. Wichtig ist es hierbei auch - wenn möglich - beide Körperseiten zu beklangen. Wenn auch die Herzschale eingesetzt wird, so sollte diese eher Körper fern evtl. auf einem kleinen Tisch oder Regal im Schulter-Kopfbereich aufgestellt werden. Hier konnte ich immer wieder eine Empfindlichkeit in der akustischen Wahrnehmung der »hohen« Töne in der Nähe der Ohren beobachten.

In der sitzenden Position hat sich die Gelenkschale an den Füßen auf den Boden gestellt und die kleine Beckenschale auf einem Kissen oder einer gefalteten Wolldecke auf den Oberschenkeln bewährt. Die Herzschale kann, im Kopf- und Schulterbereich, durch das zur Seite stellen oder um den Rollstuhl herum gehende Anklingen zum Einsatz kommen.

Nach einer Klang-Entspannung sollte auch hier der Erkrankte nachspüren können. Wichtig ist, ihn noch eine Weile zu beobachten um evtl. Reaktion der Entspannung wahr zu nehmen. Dies geschieht über die Kommunikation durch den Atem, den Muskeltonus und die Beschaffenheit und Veränderungen der Haut. Klang-Entspannung kann auch Aktivieren, Anregen, die neue Ordnung bewusster werden lassen. Häufig ist die Wirkung abhängig vom beginnenden Zustand, eher schläfrig, in sich gekehrt oder unruhig mit starkem Drang zur Bewegung.

Aus der Praxis:

Projekt »Berührende Begleitung« - Begegnung für Menschen mit schwerster Demenz


Um die im Folgenden beschriebenen Erfahrungen in der Arbeit mit Klang erleben zu können, bedarf es der Möglichkeit einer intensiven verstehenden Zusammenarbeit. Das Projekt »Berührende Begleitung« gibt es seit Herbst 2007 im Joachim- Neander-Haus der Diakonie in Düsseldorf/Benrath. Es ist für Menschen mit einer schweren Demenz im fortgeschrittenen Stadium konzipiert und wird durch mich als externe Mitarbeiterin regelmäßig angeboten. Es ist ein individuelles Unterstützungsangebot, angebunden an die Biografie des jeweiligen Bewohners. Anregung der Sinne und Förderung von Entspannung und Wohlbefinden stehen im Mittelpunkt vielfältiger Impulse durch unterschiedliche Medien. Ich möchte hier einige Begegnungen mit Bewohnern im Rahmen dieses Projektes beschreiben, in denen Klang als tragendes Element für Entspannung und Wohlbefinden eingesetzt wird.

Begegnung mit Frau D.

Ich treffe heute Frau D. auf der Seite liegend im Pflegebett ihres Zimmers an. Sie hat die Augen geöffnet und schaut auf eine unter anderem mit Bildern und Tüchern gestaltete Wand. Ich kann mit ihr Kontakt aufnehmen durch leise Ansprache, Initialberührung an der rechten Schulter und direkten Augenkontakt. Sie scheint die Situation zu erkennen und bewegt ihre Mundwinkel zu einem Lächeln. Frau D. ist dauerhaft bettlägerig und in ihren Kommunikationsmöglichkeiten sehr eingeschränkt. Ihr Körper baut große Spannung auf. Ihre Arme sind angewinkelt, die Hände zu Fäusten geballt, ihr Rücken hart und unter fühlbarer Spannung, der Kopf zeigt häufig eine leichte Überstreckung. Eine Klang-Entspannung lässt bei Frau D. Entspannung und Wohlbefinden für alle sichtbar werden.

Das sanfte, aber rhythmische Anklingen der Gelenkschale im körpernahen Bereich der Füße und auf beiden Rumpfseiten in Höhe der Hüfte und des Brustkorbs (soweit von der Lagerungsart möglich) bewirkt zuerst eine Grund-Entspannung und bietet eine ruhige Atmosphäre zur Kontaktaufnahme. Berührung durch Körperkontakt, aber auch berührt werden durch den Klang, steht im Vordergrund dieser Begegnung. Das Gehalten sein durch das Berühren ihrer Hände, lässt die Spannungen während des Klangs fühlbar weniger werden. Das Getragen werden durch den gleichmäßigen Klang der Klangschalen gibt ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit. Dies wird auch bei Frau D. nach und nach spürbarer und verändert den Gesamteindruck ihrer Situation. Eine vertiefte Atmung lässt auch die Spannung anderer Bereiche des Körpers, z.B. die des Rückens weicher werden.

Frau D. kann immer mehr direkte körperliche Berührung zulassen und zeigt durch ihre Mimik, vor allem im Mundbereich, Wohlbefinden, Ruhe, aber auch aktives Interesse an ihrer Umgebung.

Mit dem Ende der Klang-Entspannung bleibe ich noch eine kurze Weile in Körperkontakt, halte ihre Hände, streiche die jetzt weichen, vorher geschlossenen Handflächen sanft aus, massiere vorsichtig mit ruhigen Bewegungen. Eine leise Entspannungsmusik unterstützt auch in diesem Teil der Begegnung die Atmosphäre und ich kann mich so bis zum nächsten Mal verabschieden.

Frau D. ist sehr entspannt, schließt die Augen, atmet ruhig, ihr Gesicht ist weich und auch ihr Mund öffnet sich ein wenig. Die Hände und Finger liegen locker und ausgebreitet auf oder unter ihrer Decke und ein Lächeln kann man in ihrem Gesicht erkennen.

Begegnung mit Frau S.

Auch Frau S. besuche ich in ihrem Zimmer. Sie ist vollständig bettlägerig und liegt auf dem Rücken in leichter Oberkörperhochlage. Der Kopf ist etwas überstreckt und sie schaut zur Decke. Bunte Bänder oder das Bild eines Farblichtprojektors regen ihre visuellen Sinne an. Ihre Arme sind angewinkelt und die Hände ständig in Bewegung – schnell und rastlos. Sie fixiert mich nach einer kurzen Zeit der leisen Ansprache und einer gezielten Initialberührung an der rechten Schulter.

Ich habe die Möglichkeit alle drei Peter Hess® Therapieklangschalen einzusetzen. Die Gelenkschale am Fußende und die Beckenschale in Höhe der Hüfte und des Brustkorbes werden in ihrer Position durch ein kleines Lagerungskissen unterstützt. Die kleine Herzschale stelle ich seitlich in Schulter- Kopfhöhe auf den Nachttisch oder ein Regal.

Eine Grundentspannung ist schon nach den ersten Klängen erreicht und Frau S. spürt aufmerksam den Klängen und Schwingungen nach. Sie blickt umher, ihre Hände halten inne und es scheint, als ob sie sich dem Rhythmus des Antönens angleichen wollen.

Da ich erst an den Füßen beginne dauert es einige Zeit, bis alle drei Klangschalen nacheinander anklingen. Jetzt wird Frau S. zusehend ruhiger. Die Hände werden weicher, die Arme lockerer, ihre Bewegungen weiter. Sie fasst mit einer Hand zur Stirn und dann wieder verbinden sich beide Hände in Höhe des Brustbeins. Ihr Atem wird tiefer und ich kann ihre Stirn berühren, halte meine Hand ruhig und streiche von den Augenbrauen zum Haaransatz über ihren Kopf. Frau S. genießt diese Berührung und kann dabei auch die Augen schließen. Diese Stimmung hält noch eine Weile an, bis die Klangschalen wieder alle verklungen sind. Sie ist entspannt, das Gesicht ist gelöst (ihre Stirn glatt, die Augen geschlossen, der Mund etwas offen) und sie atmet noch einmal sehr tief aus.

Fazit

Die Begegnungen in diesem Projekt berühren nicht nur die Betroffenen selbst. Es ist immer wieder ein ganz starkes Gefühl der Verbundenheit, das ich in einer Klang-Entspannung erlebe. Die Kommunikation auf der emotionalen Ebene durch Klang lässt den Kontakt zueinander nicht abbrechen.

Auch die Kollegen aus dem Bereich der Pflege bestätigen immer wieder noch eine lange, anhaltende Zeit der Entspannung, die sie bei den Bewohnern beobachten können. Es bringt eine positive Veränderung in vielen Bereichen der Pflege mit sich, z.B. erleichtert es die regelmäßige Lagerung der zum Teil bettlägerigen Betroffenen, indem diese behutsamer und angenehmer für die erkrankte Person erfolgen kann.

Auch das Feedback der Angehörigen, die zeitweise die Begegnung beobachten können oder auf Wunsch eingebunden werden, ist sehr positiv. Den Erkrankten in der Entspannung zu erleben, oder selbst die Verbindung, den Kontakt, durch Klang zu intensivieren, ist für sie oft eine neue, aber auch wichtige Erfahrung. In Kontakt bleiben können, ohne Sprache, auf der Ebene der spürbaren Gefühle lässt auch ihre Verbindung zum Betroffenen noch näher und intensiver werden - oft in einer Zeit der »Sprachlosigkeit«.

Die beschriebenen Erfahrungen setzen aber auch voraus, sich mit der Lebensgeschichte (Biografiearbeit) jedes Erkrankten beschäftigt zu haben und somit an positive Ereignisse anknüpfen zu können.

Die Bedeutung von Klangerleben bei Menschen mit Demenzerkrankungen

  • Klang kann berühren – er ist Wegbegleiter, auch in schwierigsten Lebenssituationen.
  • Klang erreicht den Menschen auf einer Ebene, die immer offen ist für eine direkte Kontaktaufnahme mit seiner Umwelt.
  • Klang ist ein achtsamer Weg besonders in der beschriebenen Situation von Menschen mit Hirnleistungsstörungen. Auf sich achten, auf den Anderen achten, ihn nicht überfordern, keine Erwartungen, keinen Leistungsanspruch haben, einfach geschehen lassen und die eintretende Wirkung genießen.

Die beschriebenen Begegnungen machen diese Prinzipien deutlich. Die Ziele, eine Verbesserung des Allgemeinzustandes, sichtbares Wohlbefinden, Sicherheit, Freude und Begegnung miteinander, werden meist in nur kurzer Zeit erreicht. Die unterschiedlichen Lebens- und Krankheitssituationen geben immer die Richtung an. Der Demenzerkrankte führt die Regie – seine Signale zu erkennen und ein für diesen Moment angepasstes Angebot zu geben, benötigt ein großes Maß an Einfühlungsvermögen, aber auch vielfältige Erfahrungen mit anderen Entspannungstechniken, Medien und Methoden zur Wahrnehmungsförderung und ein Gespür für entspannende Atmosphäre.

Sich genau mit den Erkrankungen und ihren unterschiedlichen Symptomen zu befassen, aber auch pflegerische Situationen einschätzen zu können, lassen das Angebot einer Klang-Entspannung für den Betroffenen zu einer positiven Erinnerung werden.

Das emotionale Gedächtnis wird so die positiven Gefühle bei jedem Klang immer wieder spürbar werden lassen, denn die Gefühlsansprechbarkeit bleibt bis zum Lebensende erhalten und somit bleiben wir durch Klang immer in Verbindung.

Auszug aus: Sabine Bilnik-Clauß: Berührende Begleitung durch Klang - Klangerleben für Menschen mit Demenzerkrankungen, in: Hess/Koller (Hrsg.): Klangmethoden in der therapeutischen Praxis, Verlag Peter Hess, 2009, S. 258 ff.

 

 


Sabine Bilnik-ClaußSabine Bilnik-Clauß
Jahrgang 1960, Dipl. Sozialarbeiterin und Exam. Krankenschwester. Sie ist ferner Entspannungspädagogin (BTB) und ausgebildet in der Peter Hess-Klangmassage, Aromapflege u.a.
Sie blickt auf verschiedene Leitungstätigkeiten im Bereich der stationären Altenhilfe zurück und ist Lehrbeauftragte an der Hochschule Niederrhein/Fachbereich Sozialwesen. Seit 2000 selbständig mit Beratung, Seminaren, Vorträgen und Moderation für alle Bereiche der Arbeit mit älteren und alten Menschen. Beratung, Projekte und Seminare in eigenen Räumen mit den Themenschwerpunkten Demenz, Klang und anderen Entspannungsmethoden.

 

 

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